My home is my castle

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ach, wie schön ist es doch zu Hause! Das ist jetzt kein Zynismus angesichts verlängerter Corona-Maßnahmen, sondern ein ehrlich gemeinter Stoßseufzer. Einen Teil der ersten Januarhälfte habe ich nämlich im Krankenhaus verbracht und die Wochen um Weihnachten und Silvester herum in Bangen und Unbehagen. Was auch nichts mit Corona, sondern mit einem bösartigen Biopsie-Befund im Kiefer zu tun hatte und mich schließlich in eine Fachklinik in Münster führte.

Jedoch: So gründlich man mich dort durch die Untersuchungsmühle drehte, von außen und innen inspizierte, wach und unter Vollnarkose, es war weiter nichts zu finden. Alles schon bei der Biopsie entfernt. Und so blieb von der größeren OP mit längerem Krankenhausaufenthalt vorläufig nur die Entfernung eines wackligen Zahns, ein Tribut an höhere Mächte, die mir diesmal ausnahmsweise gewogen waren.

Den Sturm aufs Kapitol in Washington verfolgte ich auf einem Minibildschirm in der Klinik, ebenso entsetzt wie meine Zimmergenossin – wie der Zufall es wollte, eine US-Amerikanerin der netten Sorte. Tags darauf, als in Washington schon das Aufräumen begonnen hatte, wehte der Arzt herein und überbrachte zweimal gute Nachrichten. Unsere eher gedämpfte Stimmung verwandelte sich umgehend in zweimal beste Laune. Wir durften nach Hause!

Zu Hause verfolgte ich dann auf einem etwas größeren Bildschirm, wie der älteste Präsident in der Geschichte der USA seinen Amtseid leistete. Wie es aussieht, legt Joe Biden allerdings beim Rückabwickeln von Gesetzen der vorigen Regierung und dem Bestreben, sein Land umwelt- und sozialpolitisch ins 21. Jahrhundert zu führen, ein schwindelerregendes Tempo vor. Erneuter Beitritt zum Pariser Klimaabkommen und zur Weltgesundheitsorganisation, Baustopp für den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko und für die Keystone-XL-Ölpipeline und vieles mehr, alles schon am ersten Arbeitstag eingetütet. Mehr zur US-Wahl und den Herausforderungen für Bidens Team im sehr lesenswerten Beitrag meines Kollegen Fred Grimm auf unserer Website (siehe unten).

Allerhand Baustellen stammen aus der Ära des menschgewordenen Auffahrunfalls aus der Familie Drumpf – so hießen die aus Kallstadt in der Pfalz stammenden Vorfahren des orangefarbenen Berserkers, der jetzt sicher in Florida wütend auf Golfbälle eindrischt. Vielleicht steckt er aber auch bald, wie der Schauspieler George Clooney kürzlich mutmaßte, „in einem Overall, der zu seiner Hautfarbe passt“ (die in den USA übliche Gefängniskleidung ist orange).

Aber da wären noch ein paar weitere Kleinigkeiten: Viele Amerikaner*innen halten eine Krankenversicherung für Sozialismus, sprich Teufelswerk; die Infrastruktur des Landes zerbröselt, die Lebenserwartung sinkt, und im reichsten Land der Welt gibt es nicht wenige Menschen, die hungern. Anständig bezahlte Jobs und menschenwürdige Behausungen wären ein schöner Anfang, um die schärfsten Kanten der sozialen Schieflagen in der amerikanischen Gesellschaft abzuschleifen.

Auch hierzulande wurde ja gewählt, wenn auch bislang nur bei der CDU. Deren neuem Chef Armin Laschet ist zum Thema Klima leider nur „gutes Klima für Unternehmergeist und Innovation“ eingefallen. Ansonsten geht es hierzulande derzeit mehr um Impf- als um Klimaschutz und darum, ob Geimpfte „Privilegien“ genießen sollten. Das scheinen mir doch ungelegte Eier zu sein. Ich halte es für nicht sehr wahrscheinlich, dass die wenigen bislang geimpften Achtzig- und Neunzigjährigen an den Gittern der verrammelten Läden, Kneipen und Clubs rütteln und rufen: Ich will hier rein!

Über das weitere Schicksal unserer anderen Probleme – Agrar-, Energie- und Verkehrswende und Rettung der Artenvielfalt, um nur einige zu nennen – entscheidet im Lauf des Jahres der Ausgang mehrerer Landtagswahlen und die Bundestagswahl. Ende September wissen wir mehr. Dann sollten wir erstens eine neue Regierung und zweitens hoffentlich einen innen und außen intakten Reichstag haben.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner findet: Das Jahr 2021 fängt besser an als erwartet
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Dunkelflaute als Lebensgefühl

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haben Sie schon einmal von der Dunkelflaute gehört? Dieses Wort taucht immer dann auf, wenn die Tage – so wie jetzt – kurz und düster sind und kaum ein Lüftchen weht. Die Sonne steht tief, wenn sie überhaupt durch die Wolkendecke bricht, und es ist so windstill, dass der Schneeregen senkrecht auf den Boden fällt. Solaranlagen und Windräder erzeugen an solchen Tagen – oder im Extremfall, der alle paar Jahre auftritt, in solchen Wochen – kaum Strom.

Kein Problem, heißt es nun von der Leag, einem der großen Braunkohleverstromer unseres Vertrauens. „Da sind wir drauf vorbereitet“, lässt sich Unternehmenssprecher Thoralf Schirmer von der „Lausitzer Rundschau“ zitieren. Nach eigenen Angaben laufen die Kraftwerksblöcke mit voller Auslastung, und auch die Tagebaue befänden sich nach vorübergehenden Schneeproblemen wieder im Hochbetrieb. So würden Stromausfälle verhindert, die bei einer Versorgung nur durch erneuerbare Energien unweigerlich drohten. So räche sich nun mal die Energiewende, schreibt die Welt am Sonntag. Es herrsche in der Öffentlichkeit „noch der Glaube an die Omnipotenz erneuerbarer Energien vor“, verbreitet von einem „linksökologischen Mainstream“ und den naiven Forderungen der „Fridays-for-Future-Kinder“.

Verschwiegen wird dabei gern, dass Deutschland zu den größten Stromexporteuren Europas gehört und die deutschen Stromnetze oft so stark überlastet sind, dass sogar Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden müssen – mit riesigen Entschädigungszahlungen für deren Betreiber. So entstanden 2020 laut Spiegel bis zu 1,3 Milliarden Euro Kosten, die die Verbraucher tragen müssen. Die Lösung wären der seit Langem verzögerte Netzausbau und neue Speicher, um die Infrastruktur endlich für die CO2-freie Stromerzeugung flexibel zu machen.

Übrigens ist unbestritten, dass die Wind- und Solarstromerzeugung stark schwankt und dass es noch eine Weile zu Engpässen kommen wird, die mit atomfossiler Energie überbrückt werden müssen. Selbst führende Köpfe aus der Ökostrombranche warnen inzwischen vor der drohenden Stromlücke, etwa Carsten Körnig, der Chef des Bundesverbandes der Solarwirtschaft. Hundert Milliarden Kilowattstunden könnten infolge der anstehenden Kraftwerksabschaltungen allein im Jahr 2023 fehlen, ein Fünftel des dann herrschenden deutschen Strombedarfs, rechnet das Bonner Institut EUPD Research vor.

Volker Quaschning, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, bezeichnete die „Dunkelflaute“ im vergangenen Jahr als Unwort, das bloß Ängste schüre. Auch auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen, gebe es angesichts der Klimakrise keine andere Alternative: Kohlekraftwerke abschalten, Windkraft verfünffachen, Fotovoltaik verzehnfachen, Speichermöglichkeiten vertausendfachen. Technisch sei das durchaus möglich. Das Problem sei aber, so Quaschning, der viel zu schleppende Ausbau der Alternativen. So sieht das auch Carsten Körnig: Er fordert, auf die Warnungen aus der Wissenschaft zu hören und beim Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nachzubessern. Denn dessen siebte Reform, die mit dem neuen Jahr in Kraft getreten ist, macht die Situation nicht einfacher: So wie es momentan aussieht, wird das Ziel, bis zum Ende des Jahrzehnts 65 Prozent des Strombedarfs aus Erneuerbaren zu decken, nicht erreicht. Und darin besteht der Skandal.

So bleibt von der ganzen so vorhersehbaren wie ermüdenden Debatte, die mal wieder nicht das eigentliche Problem benennt, nur dieses doch eigentlich schöne, fast poetische Wort: Dunkelflaute. Vielleicht lässt sich ja damit was anfangen, denn: Beschreibt es nicht auch wunderbar treffend das Lebensgefühl der Stunde, in diesen pandemischen Zeiten? Das soziale und kulturelle Leben im Lockdown heruntergefahren, Spaziergänge im Schneeregen, der Sommer noch lange hin, eine Kanzlerin, die mit den Worten „es bleibt hart bis Ostern“ um noch mehr Geduld bittet. Und vielleicht kann das Wort ja sogar Hoffnung stiften, schließlich geht jede Flaute einmal vorbei.

Kommen Sie gesund durch diese Dunkelflaute!

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Di., 29.09.2020 - 10:58
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Di., 29.09.2020 - 10:25
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Unser Autor Thomas Merten über ein pünktlich zur trüben Zeit wieder auftauchendes Wort
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Thomas Merten
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Jahr mit Murmeltiertagen

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Sie kennen vielleicht die Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ aus dem Jahr 1993. Darin spielt Bill Murray den TV-Wetteransager Phil Connors, einen arroganten Griesgram, der aus dem Kaff Punxsutawney im US-Bundesstaat Pennsylvania über den „Groundhog Day“, den Murmeltiertag, berichten soll und dort in einer Zeitschleife festhängt.

Ort und Tag gibt es wirklich. Man begeht ihn – auch andernorts – am 2. Februar. Unter großer öffentlicher Anteilnahme wird ein Murmeltier zum ersten Mal nach dem Winterschlaf aus seinem Bau gelockt, um Aufschluss über den weiteren Verlauf des Winterwetters zu geben. Einer alten Bauernregel zufolge wird der Winter noch sechs Wochen dauern, wenn das Tier „seinen Schatten sieht“, wenn also die Sonne scheint. Im Film erlebt Murray/Connors den 2. Februar immer wieder, was aber außer ihm niemand bemerkt. Der Tag beginnt immer damit, dass sein Radiowecker „I Got You Babe“ dudelt, einen alten Hit von Sonny & Cher.

Bot nicht dieses seltsame Jahr 2020 reichlich Zeitschleifenmomente? Das Corona-Virus bescherte uns diese erstmals ab März. Alles geschlossen oder abgesagt, Schulen, Kindergärten, Läden, Kneipen, Restaurants, Kinos, Museen, Messen, Veranstaltungen, Fußballspiele, Konzerte. Grenzen wurden dichtgemacht, Firmen schlossen, viele Menschen arbeiteten ab sofort im Homeoffice, wenn irgend möglich. Schließlich konnte man ja auch die Kinder nicht einfach sich selbst überlassen, und so bekamen Eltern neben ihrem Erst- noch einen Zweitjob als Lehrerin oder Erzieher. Am nächsten Tag dasselbe, und am übernächsten, und am überübernächsten…

Dann kam der Sommer, die erste Infektionswelle ebbte ab, und auf Café- und Restaurantterrassen, in Parks, auf Straßen und Plätzen und in den überfüllten heimischen Urlaubsregionen herrschte sorgloses Treiben. Leute fanden es lustig, sich in Bars als „Donald Duck“ zu registrieren, Open-Air-Trinkgelage oder große Hochzeiten zu feiern. Endlich frei!

Von wegen. Jetzt ist alles wieder wie gehabt, bloß mit schlechtem Wetter. Auf das Weihnachtsoratorium – Fest der Familie! Lockerungen ante portas! Hochamt des Konsums! Kauft, was die Brieftasche hergibt! Aber immer schön die AHA-Regeln beachten und querlüften! –, folgte der Winterblues. Wer sich nun murmeltierartig verkriechen möchte: Bitte sehr, aber nur mit Personen aus einem Haushalt.

Weitere Zeitschleifen bescherte uns die US-Wahl. Fehlte gerade noch, dass man morgens von Sonny & Cher geweckt worden wäre. Erst wurde also gewählt und dann gezählt. Sie zählten und zählten, die im Wahllokal abgegebenen wie die Briefwahlstimmen, und dann zählten sie noch mal, weil der amtierende Präsident die Ergebnisse anzweifelte und Twittergewitter losließ. Eine Ewigkeit stand das Zwischenergebnis wie einbetoniert bei 254 zu 216 für den Herausforderer, nichts bewegte sich außer dem CNN-Zahlenvirtuosen John King, der auf seiner magischen Wand Bundesstaaten herumschob, Wahlbezirke umkringelte und zwischendurch Bemerkungen einflocht wie: Nein, der Präsident könne nicht anordnen, dass die Auszählung gestoppt werde, man sei ja nicht in Belarus.

Im Film verändert der Stinkstiefel Phil Connors sich fast unmerklich, und so war es auch hier. Eines Tages kletterte die Zahl der eroberten Wahlleutestimmen für den demokratischen Kandidaten Joe Biden über die kritische Schwelle von 270, und das war es oder wäre es gewesen, hätte nicht der Amtierende die Weise „Joe, du hast die Wahl gestohlen, gib sie wieder her“ angestimmt, die er in verschiedenen Tonarten und Lautstärken bis heute singt. Diverse Gerichte von Bundesstaaten mochten nicht mit einstimmen, auch dem Supreme Court gefiel die Melodie nicht, und an diesem Montag, dem 14. Dezember, haben die Wahlleute des Electoral College ihre Stimmen übermittelt: 306 zu 232 für Biden, kein knapper Sieg. Wenn auch der Kongress am 6. Januar dieses Ergebnis verkündet, woran niemand ernsthaft zweifelt, wird am 20. Januar die Amtseinführung stattfinden. Abspann!

Aber mit Ausruhen nach dem Happy End wird es nichts. Denn die neue US-Regierung wird alle Hände voll zu tun haben, Beschlüsse und Gesetze der alten rückgängig zu machen, darunter die Kündigung des Klimapakts von Paris, neue auf den Weg zu bringen und reichlich zerschlagenes Porzellan im In- und Ausland wieder zu kitten. Viel Glück dabei, die Welt braucht es.

Neuer Film, alte Ungewissheit. Was kommt? Mit Sicherheit erst mal der kürzeste Tag des Jahres am 21. Dezember, dann wird es langsam wieder länger hell. Impfungen. Ein böllerfreies Silvester. Ein neuer CDU-Vorsitzender. Ein paar Landtagswahlen und eine Bundestagswahl. Ein Kanzler (oder doch eine Kanzlerin?), der oder die nicht Angela Merkel heißt. Ein hoffentlich ergebnisreicher Klimagipfel. Und irgendwann, wir können selbst zumindest als Komparsen mitwirken, ein Ende der Pandemie. Vorerst bleiben weiterhin gefragt in allen Lebenslagen: Haltung und heitere Gelassenheit.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes Jahr 2021.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner begrüßt das leicht verfrühte Erwachen aus dem Winterschlaf
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Die Unbeirrbaren

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Zeit für eine Rückschau auf das Jahr 2020. Sie beginnt in China. Nein, nicht was Sie jetzt denken. Dieses C-Dings unterliegt hier verschärften Kontaktbeschränkungen und darf nur unter strengen Auflagen erwähnt werden. Hier geht es heute fast ausschließlich um Frauen.

Da wäre zum Beispiel Ou Hongyi, Klimaaktivistin aus Guilin. Für sie war der Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema vor zwei Jahren der Film „Eine unbequeme Wahrheit“ des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore. Im Mai 2019 begann sie dann, inspiriert von einer gewissen Greta Thunberg aus Schweden, immer freitags mit einem Pappschild vor dem Regierungsgebäude ihrer Heimatstadt zu stehen. Howey Ou, wie sie auf Twitter heißt, wurde von der Polizei verhört und immer wieder von Plätzen vertrieben, der Schule verwiesen und in den Medien totgeschwiegen, aber sie macht weiter. Heute ist ihr 18. Geburtstag, den sie vermutlich mit einer Ein-Frau-Demo begeht.

Aber noch ist sie in Freiheit. Im Gegensatz zu Loujain Hathloul. Die Aktivistin sitzt seit zwei Jahren in einem Gefängnis in Saudi-Arabien, weil sie unter anderem dafür gekämpft hatte, dass auch Frauen in dem Land Auto fahren dürfen. Obwohl das mittlerweile erlaubt ist, bleibt sie in Haft. Ebenso wie die unerschrockene iranische Menschenrechtsanwältin und Trägerin des diesjährigen Alternativen Nobelpreises Nasrin Sotudeh, verurteilt zu 33 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben.  

Inhaftiert ist auch Maria Kolesnikowa, ebenso wie Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo eine Ikone der seit dem Sommer andauernden Proteste in Belarus. Tichanowskaja hätte Präsidentin werden müssen, wenn bei den Wahlen alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. Stattdessen sah sie sich, wie auch Veronika Zepkalo, gezwungen, das Land zu verlassen. Aber die Menschen in Belarus protestieren trotz zunehmender Polizeigewalt jeden Sonntag weiter gegen Langzeitdiktator Alexander Lukaschenko, allen voran Frauen, oft weiß gekleidet und mit Blumen in der Hand.

Frauen wie die frühere Ministeriumsmitarbeiterin Marta Lempart und ihre Mistreiterinnen waren es, die in Polen wegen der geplanten Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsrechts 2016 den Allpolnischen Frauenstreik (OSK) gründeten. Seit das polnische Verfassungsgericht Ende Oktober das Recht auf Abtreibung de facto für abgeschafft erklärt hat, gehen auch hier immer wieder Hunderttausende auf die Straße.

Jacinda Ardern hingegen braucht nicht zu demonstrieren. Sie hat eine Wahl gewonnen. Seit Oktober regiert die alte und neue Premierministerin Neuseeland. Trotz ihrer absoluten Mehrheit im Parlament hat die Sozialdemokratin mit den Grünen eine Kooperation vereinbart und ihnen zwei Ministerien angeboten. Weltberühmt wurde Ardern durch ihre Haltung nach dem Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch 2019 – und später durch ihr Corona-Management, eine Mischung aus hartem Durchgreifen und Empathie. Bislang hat das Land die Krise beneidenswert gut im Griff.

Regieren wird ab 20. Januar nächsten Jahres auch Kamala Harris, designierte Vizepräsidentin der USA und sowohl erste Frau als auch erster nichtweißer Mensch auf diesem Posten. Weiß aber war ihre Kleidung, als sie ein paar Tage nach der US-Wahl mit dem zukünftigen Präsidenten Joe Biden die Bühne betrat – eine Verneigung vor den Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht gekämpft hatten. Zwar sei sie die erste, aber sicher nicht die letzte Frau in diesem Amt, sagte sie in ihrer Rede.

Es hat also, wie man sieht, in diesem Jahr auf der Welt nicht an mutigen und brillanten Frauen gefehlt. Höchstens an Hirn und Herz bei regierenden Betonköpfen und ihrem Gefolge. Und bei uns so? Immerhin sollen nun bald in allen mehr als dreiköpfigen Vorständen großer privater und öffentlicher Unternehmen Deutschlands Frauen sitzen, also: zumindest eine. Bei neun der 30 Dax-Konzerne, also fast einem Drittel, sind die Vorstände ausschließlich mit Männern besetzt. Meine Herren! Da kommt was auf Sie zu. Nämlich eine Frau für den jeweils Nächsten, dessen Mandat endet. Ich schätze, Sie, die Firma und das Land werden es verkraften.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner blickt zurück auf das Jahr 2020 und sieht: Frauen
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Kauf-Aus zum Nikolaus

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„Oh, ich kauf' mir was / Kaufen macht so viel Spaß / Ich könnte ständig kaufen gehen / Kaufen ist wunderschön“ – so zog Herbert Grönemeyer schon 1983 das manische Shoppen musikalisch durch den Kakao. Vielleicht machte das in der Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre wirklich noch Spaß, als es nach den Entbehrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit scheinbar nur noch aufwärts ging und die Menschen nicht mehr jede D-Mark vor dem Ausgeben dreimal umdrehen mussten. Plötzlich gab es wieder alles, und wenn das Angebot der Kaufhäuser oder Versandhauskataloge – die kiloschweren Konsumbibeln von Neckermann oder Quelle gewissermaßen als analoge Vorläufer von Amazon – doch mal das Budget sprengte, konnte man ja Ratenzahlung vereinbaren.

Doch nicht erst seit der Globalisierung dämmert uns: Mag das Produkt noch so billig sein, irgendwo auf der Welt zahlt jemand mit Gesundheit und Menschenrechten. Schäden an Umwelt und Klima sind auch nicht mit eingepreist. Dabei macht uns die Dauer-Konsumorgie nicht glücklicher; häufig geht es uns so wie Herbert Grönemeyer in seinem Lied: „Bin ich erst im Kaufrausch / Frag ich gleich nach Umtausch / Weil ich an sich nichts brauch…“

So ist es, dachte sich die Redaktion des Greenpeace Magazins. Und wann ließe sich besser über Sinn und Unsinn der ständigen Spirale von Kauf, Umtausch und Wegwerfen nachdenken als in der Zeit um Weihnachten, für viele Unternehmen zumindest unter normalen Umständen die umsatzstärksten Wochen des Jahres? Also springen Sie beherzt mit uns ins Meer des Weniger.

Teresa Kraft und Wolfgang Hassenstein haben mit drei Generationen einer Familie über Konsum im Wandel der Zeit gesprochen, und obwohl sich alle der Probleme bewusst sind, können sie sich des Gefühls nicht erwehren, von manchen Dingen zu viele zu besitzen. Wir haben zudem Emnid beauftragt, mal nachzuforschen, wie viel weniger wovon es denn für die Deutschen sein darf, und die Postwachstumsökonomin Nina Treu nach Auswegen aus dem Dilemma des Immermehr gefragt. (Postwachstum hat nichts mit steigendem Paketaufkommen zu tun, eher im Gegenteil.)

Unsere Autorin Kathrin Hartmann erklärt, warum wir unbedingt ein Lieferkettengesetz brauchen, und wir stellen Menschen vor, die viel vom Weniger halten, die reparieren und retten, tauschen und teilen; wir geben Tipps und Denkanstöße für ein bewussteres und letztlich reicheres Leben, informieren Sie über die wirklich wahren Preise von Lebensmitteln, Kleidung oder Smartphones und erläutern optisch Vokabeln des Wohlstands von Hyperkonsum bis Genügsamkeit.

Außerdem lesen Sie, welche Langzeitschäden Uranmunition auch nach Ende des Krieges anrichtet und warum durch großräumige Anpflanzungen von Eukalyptus – auch für die deutsche Papierindustrie – in Portugal die Artenvielfalt leidet und die Waldbrandgefahr steigt. Die teils apokalyptischen, teils anrührenden Bilder des Fotografen Doug Gimesey zeigen, was die verheerenden Buschbrände des letzten Jahres in Australien Menschen, Tieren und Pflanzen angetan haben.

Sie erfahren ferner, unter welchen Bedingungen das in fast jedem Akku enthaltene Metall Kobalt im Kongo abgebaut wird, was Klimawandel und Artenvielfalt miteinander zu tun haben und wie sich ein nach Deutschland eingewanderter Elch namens Bert benimmt. Auf dem Speisezettel dieser Ausgabe finden Sie ein eher unverdauliches Fleischsiegel, den widerborstigen, aber schmackhaften Winterrettich und einen großen Topf Protestsuppe.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner bummelt ohne Konsumzwang durch das neue Greenpeace Magazin
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Aerosole raus, aber zügig!

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zu den wohl traurigsten Anblicken während der ersten Phase der Corona-Kontaktbeschränkungen im Frühjahr zählten die verwaisten, mit rotweißem Flatterband abgesperrten Spielplätze, und die knallbunte, aufgeregt schnatternde Wolke von Kita-Kindern, die hier normalerweise in Begleitung ihrer Erzieherinnen regelmäßig die Straße entlang Richtung Spielplatz zieht, hat mir ebenso gefehlt wie der Laternenumzug am Martinstag, der in diesem Jahr natürlich ausgefallen ist.

Auch wenn ich selbst nicht betroffen bin, verfolge ich die Diskussion rund um Schulen und Kitas. Offen oder zu, Präsenz- oder Fernunterricht, Masken ja oder nein, ganze Klassen oder halbe – hoffentlich hat irgendwer noch den Überblick. Die Positionen sind für eine neutrale Beobachterin im Prinzip nachvollziehbar. Die der Lehrkräfte, die zum einen Angst vor Ansteckung haben und zum anderen gegen die Windmühlenflügel der Kultusbürokratie kämpfen. Die der Eltern, denen teilweise auch mulmig ist, die andererseits aber auch möchten, dass ihre Kinder zur Schule oder in die Kita gehen. Und die der Kinder, die sich sicher freuen, wenn sie mal schulfrei oder Ferien haben, aber wohl eher weniger, wenn das monatelang andauert.

Geht man nach verbalen Bekundungen, herrscht Einigkeit, dass – Bildung ist ja ein kostbares Gut – die Schulen weiter geöffnet sein und die Fenster regelmäßig weit geöffnet werden sollen. Das nennt man Lüftungskonzept. Prüfungsfrage: Wovon wurden Behörden und Politik mehr überrascht, a) vom Hereinbrechen des Herbstes oder b) von den baulichen Gegebenheiten in etwa 100.000 Klassenräumen, deren Fenster sich gar nicht oder nur einen schmalen Spalt breit öffnen lassen?

In der Kreidezeit war keineswegs alles besser, aber manches war ganz ordentlich. Wenn ich mich recht entsinne, ließen sich während meiner gesamten Schulzeit in jedem Klassenzimmer die Fenster öffnen. Klar, weder Grundschule noch Gymnasium hätten Architekturpreise eingeheimst, Gebäude und Ausstattung waren weder schön noch luxuriös und augenscheinlich nach dem Motto „quadratisch, praktisch, was soll‘s“ errichtet. Aber es gab benutzbare Klos, Waschbecken, Seife und Handtuchspender. Das soll, hört man immer wieder voller Staunen, heute nicht an jeder Schule selbstverständlich sein, auch von Schimmel oder bröckelndem Putz ist öfter mal die Rede.

Aber leben wir denn nicht in einem der reichsten Länder der Welt? Hat nicht unser Finanzminister schon vor Monaten seine Bazooka in Stellung gebracht und versichert seither in Endlosschleife, es sei genügend Geld für so ziemlich alles da? Die notleidende Luftfahrtbranche, die darbende Autoindustrie und viele andere Unternehmen und Wirtschaftszweige bekommen Zuschüsse, Überbrückungshilfen, günstige Kredite, aber 1000 bis 3000 Euro für Luftfilter in Klassenräumen sind den dafür zuständigen Ländern zu teuer, oder ihr Nutzen wird bezweifelt – obwohl das Umweltbundesamt diesen bescheinigt. So kostbar ist die Bildung offenbar auch wieder nicht.

Doch auch auf diesem Sektor setzt die Pandemie Kreativität frei: Ein Team um Dr. Frank Helleis vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz präsentiert eine Low-Tech-Lüftungsanlage, die 90 Prozent der fiesen Aerosole aus der Luft filtert. Kann von geübten Hobbybastlerinnen und -bastlern mit etwas Zeit, Teilen aus dem Baumarkt und Material aus dem Internet in Eigenregie gebaut werden, Tutorial folgt demnächst. Kostenpunkt: ungefähr 200 Euro. An einer Mainzer Grundschule wurde so eine Anlage bereits installiert. Die Kinder seien begeistert, sagt die Schulleiterin.

Das wird nun nicht alle Probleme lösen, ist aber ein schönes Beispiel dafür, was Eigeninitiative vermag, wenn der Staat seine Prioritäten falsch sortiert hat. Hoffen wir, dass Schule bald wieder was ganz Alltägliches wird mit blöden Mathelehrern, nervigen Englischvokabeln und Klimastreiks am Freitag. Und dass Kinder so reagieren wie Elliott, der junge Hauptdarsteller in dem Film E.T. Als dessen Bruder sagt, er möge seinem außerirdischen Freund klarmachen, dass sie jetzt in die Schule müssten, gibt Elliott zurück: „Wie willst du einer höheren Intelligenz erklären, was Schule ist?“

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Goldgrube Schrottmeiler

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zumindest virtuell dürften am Donnerstag beim schwedischen Energiekonzern Vattenfall die Sektkorken geknallt haben: Das Bundesverfassungsgericht hat seiner Klage stattgegeben und verlangt eine Neuregelung des finanziellen Ausgleichs für den 2011 beschlossenen Atomausstieg. Den hatte Karlsruhe 2016 zwar für grundsätzlich zulässig erklärt, jedoch gefordert, bis 2018 müsse in einer Novelle des Atomgesetzes geregelt werden, welcher Energieversorger für welche Reaktoren Entschädigung bekommt, sowohl für entgangene Gewinne als auch für getätigte Investitionen. Diese Gesetzesänderung aber, so das Urteil vom Donnerstag, sei schlecht gemacht und wegen der fehlenden formalen Zustimmung der EU-Kommission gar nicht erst in Kraft getreten.

Wie konnte es überhaupt zu dieser juristischen Peinlichkeit kommen? Kurze Rückblende: Am 28. Oktober 2010 beschloss der Deutsche Bundestag mit der Mehrheit der Abgeordneten von CDU/CSU und FDP die elfte Änderung des Atomgesetzes zugunsten der angeblich unentbehrlichen „Brückentechnologie“, sprich: den Ausstieg vom 2002 beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie, den die rot-grüne Regierung mit den Energieversorgern rechtssicher verhandelt hatte. Nach dem Willen von Schwarz-Gelb sollten die 17 deutschen Atommeiler nun stattdessen durchschnittlich 12 Jahre länger am Netz bleiben dürfen.

Es wurde eine sehr kurze Laufzeitverlängerung. Schon am 14. März 2011, drei Tage nach dem durch ein schweres Erdbeben und einen Tsunami ausgelösten Super-GAU im japanischen AKW Fukushima Daiichi, vollführte die Bundesregierung eine Kehrtwende und erließ zunächst ein dreimonatiges Moratorium für den Betrieb einiger AKW, aus dem dann recht zügig der endgültige Ausstieg aus der Technologie wurde. Dieses Hin und Her hat nach Meinung des früheren Umweltministers Jürgen Trittin (Grüne), der den Ausstiegskonsens mit den AKW-Betreibern ausgehandelt hatte, die Entschädigungsansprüche überhaupt erst ausgelöst. Und ein SPD-Abgeordneter twitterte, Vattenfall möge seine Rechnung doch bitte direkt an die CDU-Zentrale schicken – wobei allerdings die Frage erlaubt sein muss, wer denn 2018 auch an der Regierung war und somit die schlampig zusammengezimmerte Novelle mitverantwortet. Die SPD vielleicht?

Bemängelt hatte das Gericht auch, dass der Konzern vor einer Entschädigung erst einmal versuchen sollte, die Reststrommengen, die ihm laut Gesetz für jeden Reaktor zustanden, bei der Konkurrenz loszuwerden. Aber bei welcher? Ein Markt existiert dafür de facto nicht. Auf eigene noch laufende Atomkraftwerke kann Vattenfall sie auch nicht verteilen, denn seine beiden Meiler in Krümmel und Brunsbüttel sind seit vielen Jahren nicht mehr am Netz.

Da wird es allerdings interessant, denn die beiden Anlagen hatten technische Mängel und waren störanfällig. Fraglich, ob sie überhaupt je wieder hochgefahren worden wären. Noch krasser sieht es bei RWE aus. Der Konzern hat sich bereits sehr erfreut über das Urteil gezeigt. Er hat nämlich noch eine Altlast namens Mülheim-Kärlich (Volksmund: Mülheim-Kläglich), einen Reaktor, der überhaupt nur 100 Tage im Regelbetrieb gelaufen ist und wegen einer fehlerhaften Baugenehmigung (ursprünglich sollte es in einer potenziellen Erdbebenzone errichtet werden, dann wurde es kurzerhand um 70 Meter verschoben) schon 1988 vom Netz genommen wurde. 2004 begann der Abriss. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Bilder von der Sprengung des Kühlturms im letzten Jahr. Aber es wäre doch gelacht, wenn man aus so einer Atomruine nicht noch ein paar Millionen Entschädigung rausquetschen könnte.

Wenn Sie jetzt denken: Irre, diese Atomkraft – erst fahre ich damit schöne Gewinne ein, dann kassiere ich Entschädigungszahlungen aus Steuermitteln, und die Entsorgung bleibt langfristig auch bei der Allgemeinheit hängen –, dann haben Sie völlig recht. Aber das ist noch längst nicht alles. Vattenfall hat schon vor Jahren vor einem internationalen Schiedsgericht in Washington geklagt. Da geht es dann nicht mehr um läppische Beträge von ein paar hundert Millionen Euro, sondern um rund sechs Milliarden. Zwischen 1991 und 2018 haben Öl-, Kohle- und Atomkraftbetreiber sich dort schon das schöne Sümmchen von 50 Milliarden US-Dollar (gut 42 Milliarden Euro) erklagt. Ja, das ist völlig legal. Ob es legitim ist, steht auf einem anderen Blatt.

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Ach, diese Lücke...

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wenn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen Beschluss der EU-Landwirtschaftsministerinnen und -minister zur Agrarreform als „Systemwechsel“ und „Meilenstein“ rühmt und der Präsident des Deutschen Bauernverbandes Joachim Rukwied ihn als „gute Grundlage“ bezeichnet, dann verheißt das nichts Gutes.

Bis zum frühen Mittwochmorgen dieser Woche zogen sich die Verhandlungen über die Zukunft der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Deutschland hat derzeit den Vorsitz im Europäischen Rat, also leitete Klöckner das Treffen. Was sie tags darauf als großen Durchbruch präsentierte, erntete jedoch harsche Kritik von Umweltverbänden und Grünen: Arten-, Tier-, Natur- und Klimaschutz blieben auf der Strecke. Auch Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zeigte sich wenig begeistert.

Als die GAP 1962 ins Leben gerufen wurde, ging es nicht um Natur, Umwelt oder gar Klima, sondern um Produktivität, Nahrungsmittelsicherheit, stabile Märkte und „angemessene“ Preise sowie Vergütungen für Bäuerinnen und Bauern. Gefördert wurden bestimmte Agrarprodukte; das führte zu den berühmt-berüchtigten Butterbergen und Milchseen. Eine Nebenwirkung dieser Politik war die Zerstörung der Agrarmärkte zahlreicher afrikanischer Länder, die nicht mit den subventionierten Lebensmitteln aus Europa konkurrieren konnten.

1992 kam es dann tatsächlich zum Systemwechsel. Die „entkoppelten Direktzahlungen“ wurden eingeführt, die „erste Säule“ der GAP. Gezahlt wird pro Hektar. Das heißt: Wer hat, dem wird gegeben. Profiteure sind Großbetriebe mit viel Fläche, kleinbäuerliche Betriebe haben das Nachsehen. Wer einen Hof gepachtet hat, geht leer aus, denn der Geldsegen fließt an die, denen das Land gehört. Das sind in den letzten zehn Jahren zunehmend Finanzinvestoren, die in Zeiten niedriger Zinsen attraktive Anlagemöglichkeiten suchen. Unausweichliche Folgen: Die Bodenpreise steigen, Ackerflächen und Pachtraten werden unerschwinglich.

Aber da ist ja noch die zweite Säule der GAP, vorgesehen für Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen und die Entwicklung des ländlichen Raumes. Von den 6,2 Milliarden Euro, die Deutschland jährlich kassiert, entfallen nur 1,2 Milliarden auf die zweite Säule. Und die hat auch noch einen Haken: Für alle Mittel aus diesem Topf müssen Staat, Region oder Kommunen des jeweiligen Landes noch mal dieselbe Summe drauflegen. Kein Wunder, dass das Geld oft gar nicht abgerufen wird.

Nun sollen laut Ratsbeschluss 20 Prozent der Direktzahlungen an Umweltprogramme gekoppelt sein. Solche „Eco-Schemes“ hatte die EU-Kommission vorgeschlagen. Das EU-Parlament fordert 30 Prozent, Grünen und Umweltverbänden reicht auch das nicht, zumal die Teilnahme an den Programmen freiwillig sein soll. Bis Jahresende soll das ganze Paket zwischen Rat, Parlament und Kommission fertig verschnürt sein, wenn es nach Julia Klöckner geht.

Wie aber der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen propagierte „Green Deal“, die Klimaneutralität der EU bis 2050, erreicht werden soll, wenn die Landwirtschaft mehr oder weniger außen vor bleibt? Tja. Gute Frage. Hier klafft eine entsetzliche Lücke, englisch: gap.

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Rückkehr der Heizpilze

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der heutige Titel klingt ein bisschen nach Horrorfilm, und das stimmt ja in gewisser Weise auch. Hatten wir nicht gedacht, Heizpilze würden zusammen mit ein paar anderen aberwitzigen Gerätschaften (Laubbläsern, Einweggrills, Plastikgeschirr) auf dem großen Sperrmüllhaufen mit der Aufschrift „Produkte, die die Welt nicht braucht“ landen? Aber nun bekommen sie eine zweite Chance als Retter der Außengastronomie, zumindest temporär. Denn es lässt sich nicht mehr leugnen, der Herbst ist da und auf den folgt gewöhnlich der Winter. Wer jetzt kein Bier hat, trinkt auch keines mehr, jedenfalls nicht draußen – und drinnen lauern die Aerosole. Theoretisch müsste regelmäßig durchgelüftet werden, dann wäre es selbst dort nicht mehr warm.

Also erlauben Kommunen wie zum Beispiel Tübingen, Frankfurt, Stuttgart, Essen, Hannover, Hamburg und einige Berliner Bezirke wieder, was sie aus Klimaschutzgründen schon mal verboten hatten. Dirk Messner, Chef des Umweltbundesamtes (UBA), findet das für eine Übergangszeit vertretbar, auch wenn es ihn nicht freut. Laut UBA stößt so ein gasbetriebener Heizpilz in einer Stunde durchschnittlich zweieinhalb Kilo CO2 aus. Aufs Jahr gerechnet etwa so viel wie ein Kleinwagen. Nun gibt es ja auch mit Strom betriebene Terrassenheizungen – was bei 100 Prozent Ökostrom zumindest besser fürs Klima wäre, aber so weit sind wir noch nicht.

Was tun? Während Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine CO2-Kompensation wie beim Fliegen in die Debatte geworfen hat, geißeln Umweltverbände die Nutzung von Heizpilzen prinzipiell und propagieren stattdessen die gute alte Wolldecke. In manchen Ländern schwört man auf beheizbare Sitzkissen mit Akku, wobei der leider auch nicht ohne gelegentliche Energiezufuhr auskommt. Partyzelte oder Pavillons wären weitere Optionen. Es könnte bald so aussehen, als hätte jemand Iglus abgeworfen. Ohne Heizung wird es da drin allerdings auf Dauer auch recht frisch.

Aber ob all diese Maßnahmen es bei weiter sinkenden Temperaturen schaffen, die Gastronomie zu retten? Zweifelhaft. Immerhin, die Baumärkte freuen sich über den reißenden Absatz im Heizpilzsegment, dabei zählen die ohnehin schon zu den großen Gewinnern der Krise. Wir erinnern uns: Kita zu, Baumarkt geöffnet. Käme es zur flächendeckenden Ausrüstung von Klassenzimmern mit Heizpilzen, um das ständige Lüften erträglicher zu machen, dürfte es allerdings zu Lieferengpässen kommen. (Kleiner Tipp für Freunde der Goldwaage: Vorsicht Satire!)

Sagenhaft, was wir alles ersinnen, erlauben, erwägen, um die subjektiv als ewig empfundene, in Wirklichkeit aber wohl zeitlich begrenzte Corona-Periode zu überstehen. So viel Arbeit, Zeit und Geld werden investiert, und wann hätte die Wissenschaft je eine so wichtige Rolle gespielt? Man wünscht sich denselben Einsatz bei der Bekämpfung der Klimakrise, bloß bitte mit mehr Einigkeit zwischen Bund und Ländern und international sowieso. Mit einem Virus kann man zwar nicht verhandeln, mit dem Klima aber ebenso wenig, und die Folgen der Veränderungen werden viel dramatischer, teurer und vor allem langfristig und unumkehrbar sein.

Anfang dieser Woche ist die „Polarstern“ von ihrer Mosaic-Expedition in der Arktis zurückgekehrt. Dort herrscht Klimawandel im Zeitraffer. Die Crew habe „dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen“, berichtete Expeditionsleiter Markus Rex aus einer untergehenden Welt. Statt mehrjährigen Eises: weite Flächen offenen Wassers, fast bis zum Nordpol. In ein paar Jahrzehnten könnte das sommerliche Meereis komplett verschwunden sein. Seine Fläche ist seit den Achtzigerjahren um die Hälfte geschrumpft. Ein systemrelevantes Ökosystem, das vielleicht bald auf der Intensivstation liegt.

Das geschah und geschieht, während wir unter Heizpilzen von wärmeren Jahreszeiten träumen. Sehr warme Jahreszeiten könnten es werden, mit vielen nicht bestellten Überraschungen, die wir trotzdem bezahlen müssen. Besser gesagt: die nachfolgenden Generationen.

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Unsere Autorin Kerstin Eitner erinnert daran, dass man mit dem Klima nicht verhandeln kann
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Auf Wahrheitssuche

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Fakt, Fälschung, Fiktion? Gar nicht so leicht, das auseinanderzuhalten. Die Geschichte kennt zahlreiche Beispiele für Mythen, Lügen und Verschwörungstheorien, die durch Gesellschaft, Medien und Politik geistern. Von den angeblichen Brunnenvergiftern des Mittelalters über Bismarcks Emser Depesche, die Dolchstoßlegende und den Reichstagsbrand bis zu den Hitlertagebüchern, Barschels Ehrenwort und Saddams Massenvernichtungswaffen – in harmloseren Fällen führten die Wahrheitsverdrehungen zu Hohn, Spott und Verlust der Glaubwürdigkeit, manchmal aber auch zu Ausgrenzung, Antisemitismus und Verfolgung oder schlimmstenfalls zum Krieg.

Wer’s glaubt, wird selig. Und heute? Wird gelogen wie eh und je, beschleunigt und befeuert von den sogenannten sozialen Medien. In einer Reihe von Ländern bekleiden Klimawandelleugner, Realitätsverweigerer und notorische Lügner höchste Staatsämter. Der in dieser Hinsicht herausragendste Repräsentant fungiert derzeit als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. 20.000-mal soll er laut Zählung der Washington Post seit Amtsantritt gelogen haben. Auch die Wirtschaft ist keine Oase der Lauterkeit.

Kurzum, es schien der Redaktion des Greenpeace Magazins nicht nur angebracht, sondern nachgerade geboten, die Wahrheit zum  Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe zu machen. Gleich mal vorab: Wir haben die Wahrheit natürlich auch nicht gepachtet, versuchen aber, ihr so nahe wie möglich zu kommen.

Wir zeigen, wie leicht es ist, sich von Bildern an der Nase herumführen zu lassen, und geben Ihnen einen Einblick in unsere Arbeitsweise. Unser Autor Toralf Staud erklärt, welche gesicherten Erkenntnisse die Wissenschaft über das Klima hat, wo es noch Forschungsbedarf und offene Fragen gibt und was man nie genau wissen wird. Mein Kollege Thomas Merten beschreibt, welchen Anfeindungen die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg ausgesetzt ist, nur weil sie rational denkt und die Politik mahnt, auf die Wissenschaft zu hören.

Mit welchen Methoden Konzerne an der Wahrheit herumschrauben und gesellschaftliche Debatten in ihrem Sinne beeinflussen, analysieren Frauke Ladleif und Fred Grimm. Wir stellen Ihnen fünf Menschen vor, die zu Umweltskandalen, Tierquälereien, verschwundenen Migranten und den Wurzeln von Pandemien und Verschwörungsmythen recherchieren und die gefundenen Wahrheiten ans Licht bringen, und erinnern an drei Whistleblower, die für ihren Mut mit Strafversetzung, Gefängnis und Exil bezahlen mussten. Außerdem liefern wir nützliche Zahlen und Infos sowie eine Handreichung zur Früherkennung von Fake News.

Weitere wahre Geschichten lesen Sie in unserem Teil 2. Zum Beispiel Positives über die USA. Doch, sowas gibt’s! Junge Menschen, die sich für Klima und Umwelt, faire Wahlen und Gerechtigkeit einsetzen. Wobei wir es uns nicht verkneifen konnten, eine kleine Auswahl aus einer langen Liste von Maßnahmen der Regierung Trump aufzuführen, mit denen Umwelt- und Klimaschutzgesetze ihrer Vorgänger außer Kraft gesetzt wurden.

Wir laden Sie auch zu zwei Zeitreisen ein, zum einen mit australischen Biologen, die ein komplettes Ökosystem ausgetauscht haben, zum anderen mit Greenpeace zur allerersten Aktion in Deutschland im Jahr 1980. Sie können sich ferner Klarheit über unser Leitungswasser verschaffen, ungewöhnliche Porträts von Labormäusen betrachten, einige Tatsachen über Kaiserpinguine, Rosenkohl und Sauerstoff zur Kenntnis nehmen und sich zu guter Letzt aufs Rad schwingen in der Hoffnung, kopenhagenhafte Verhältnisse herbeizuführen.

Sollte es in Ihrer Gegend für Fahrradausflüge zu regnerisch und stürmisch sein, machen Sie es sich doch drinnen mit dem neuen Greenpeace Magazin bequem. Es lohnt sich, wirklich wahr.

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