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Mo., 19.10.2020 - 13:54
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Vor den Präsidentschaftswahlen kämpfen Aktivisten für eine gerechtere, grüne Zukunft
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Womöglich liegt ja darin die eigentliche Ironie dieser Geschichte: dass am Ende ein 77 Jahre alter, bis in die Haarspitzen weißer Mann, der seit 1973 nichts anderes war als ein Politprofi in Washington; dass einer, dessen Berater hoffen, er werde bei seinen Auftritten nicht schon wieder auf TV-Shows aus den Sechzigerjahren anspielen; dass eben einer wie der ehemalige Vizepräsident und siebenfache Großvater Joe Biden zum Hoffnungsträger des jungen, multiethnischen, eher weiblichen, grünen Amerika werden konnte.

Na ja, fast.

„Joe Biden?“, sagt Jamie Margolin. „Ich habe für Bernie Sanders gekämpft.“ In ihrer Heimatstadt Seattle warb die 18-jährige vor 17.000 Menschen mit einer flammenden Rede für ihn. Damals, im Februar, vor Corona, als sie noch unter Leute kam. Heute sitzt sie „viel zu viel zu Hause am Computer“ und ist wütend, weil die Regierung Trump mit der Pandemie genauso umgehe wie mit der Klimakrise: Ignorant gegenüber der Wissenschaft und ansonsten „einfach so tun, als gebe es die Probleme nicht“. Vor ein paar Wochen ist ihr Großvater gestorben – an Covid-19.

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Mit neun schaute Margolin lieber die politische „Daily Show“ als die Mädchenserie „Hannah Montana“. Mit vierzehn machte sie Wahlkampf für Hillary Clinton. Mit fünfzehn gründete sie „Zero Hour“, die erste große Kampagnenplattform für den Jugendprotest gegen die Klimakrise. Mit siebzehn stand sie im Magazin People als eine von „25 Frauen, die die Welt verändern“. In der New York Times schrieb sie: „Mich treibt der Wunsch an, dass die Schönheit der Welt überlebt.“

Derzeit arbeitet Margolin mit Zero Hour daran, jungen Amerikanern das komplizierte Wahlsystem zu erklären – also wo, wie und wann man sich anmelden muss, damit man ja nicht versäumt, im November seine Stimme abzugeben. Ihre Mutter Janeth, mit der sie nur Spanisch spricht, stammt aus Kolumbien. Vater Mark ist Ingenieur. Beide wurden erst durch ihre Tochter auf das Thema Klimawandel aufmerksam, unterstützen sie nach Kräften und machen sich die üblichen Elternsorgen. Jamie schlafe viel zu wenig, sagen sie. Beim Skype-Gespräch sieht man Jamie mal von schräg unten, mal von oben, mal gar nicht, weil sie das Smartphone ständig beiseitelegt, um etwas auf ihrem Computer nachzuschauen. Jamie Margolin ist Jüdin, stolze LGBTQ-Aktivistin, und redet so schnell, als würden ständig zwei bis drei neue Gedanken versuchen, sich noch mit in den Satz zu drängen. Sie steht für den Teil Amerikas, der lange nicht gehört wurde: jung, mit internationaler oder indigener Herkunft, und wild entschlossen, ein Land aufzubauen, das endlich gegen Umweltzerstörung, Rassismus und Ungerechtigkeit angeht.

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Mo., 19.10.2020 - 12:07
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Holly Andres; Aufmacherbild: Andrew Caballero-Reynolds/AFP via Getty Images
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Die 18-jährige Umweltaktivistin Jamie Margolin aus Seattle in ihrem Zimmer. Wegen der Coronakrise organisiert sie ihren Kampf gegen die Klimakrise und für faire Wahlen weitgehend von zu Hause aus

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Dieses andere Amerika, es ist bunt, weltgewandt, gut vernetzt und offenbar recht überzeugend. „Wir haben die öffentliche Meinung verändert“, sagt Jamie Margolin. Diesen Sommer erklärten zwei von drei befragten Amerikanern, die Regierung müsse mehr gegen den Klimawandel unternehmen – so viele wie nie zuvor. Es gibt inzwischen sogar breite Mehrheiten dafür, strengere Emissionsgrenzen für Autos, Lastwagen und Kraftwerke einzuführen. Ende Februar konnte man auf einer der wichtigsten Konferenzen der US-Konservativen einen Stand mit jungen Republikanern besuchen, die für hohe CO2-Steuern als „marktwirtschaftliche Lösung“ gegen die Klimakrise warben.

„Ich rufe allen jungen Klimaaktivisten zu: Ich sehe euch, ich verstehe euch“, sagte der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden im Juli bei der Vorstellung seines Programms für eine neue, grüne Wirtschaft. Zwei Jahre zuvor hatte Parteifreundin Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, noch über die „Green Dreams“ der Jugend gelästert. Jetzt verspricht Biden „Klimaneutralität bis 2050“ und viele neue „grüne Jobs“ durch massive Investitionen in Öko-Energie, Naturschutz, Elektromobilität oder die energetische Sanierung von Gebäuden.

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Mo., 19.10.2020 - 12:17
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Margolin im September 2019 beim „Youth Climate March“ in New York. Von der von ihr gegründeten Kampagnen- und Infoseite „Zero Hour“ ließ sich Greta Thunberg zu ihren ersten Schulstreiks inspirieren

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Dank der Jungen gibt es auf einmal wieder viel Raum, über die Themen zu reden, die uns wichtig sind.
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Mark Floegel, Leiter Rechercheabteilung Greenpeace USA
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„Dank der Jungen gibt es auf einmal wieder viel Raum, über die Themen zu reden, die uns wichtig sind“, sagt Mark Floegel. Der Ex-Journalist, seit 1989 bei Greenpeace USA, heute Leiter der Rechercheabteilung, sitzt in seinem Arbeitszimmer in Burlington, Vermont, und weiß trotzdem nicht recht, was er fühlen soll. „Es sind finstere Zeiten gerade“, sagt der 59-jährige. „Ich dachte unter Ronald Reagan, schlimmer könnte es nicht werden. Dann kam Bush. Und jetzt…“ Seit Ende Mai hat Greenpeace sich der „Black Lives Matter“-Kampagne verschrieben. Das Video, in dem ein weißer Polizist 8 Minuten und 46 Sekunden lang sein Knie in den Nacken des gefesselten Schwarzen George Floyd drückt, bis dieser stirbt, hat das ganze Land und damit auch Greenpeace mit unbequemen Wahrheiten zum Thema Rassimus konfrontiert.

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Als Kampagnenleiter Umweltgifte war Floegel immer klar, dass von gefährlichen Verschmutzungen vor allem die mehrheitlich von Nichtweißen bewohnten Kommunen betroffen waren. Thematisiert hat er es kaum. „Wir haben viel über Gifte und CO2 gesprochen, aber selten über Rassismus und Macht.“

Auf dem Höhepunkt der Bewegung gegen rassistische Polizeigewalt kam es auch in vielen kleinen, mehrheitlich von Weißen bewohnten Orten zu Solidaritätsmärschen. Beim Onlinekonzern Amazon, der erst 2019 sein erstes nichtweißes Vorstandsmitglied berufen hat, protestieren Mitarbeiter der „Amazon Employees for Climate Justice“ seit Monaten gegen den „Umweltrassismus“ des Konzerns.

Dieser siedele stark verkehrsbelastete Verteilungszentren vorzugsweise in nichtweißen Gegenden an, wo kaum Gegenwehr zu befürchten und die Wahlbeteiligung traditionell niedrig ist. „Wir sind überparteilich“, sagt Mark Floegel. „Aber nicht unpolitisch. Wir tun alles, dass gerade den Menschen aus solchen Gemeinden nicht das Wahlrecht genommen wird, indem man sie von den Wählerlisten streicht, die Briefwahl einschränkt oder Wahllokale schließt.“

Auf Leben und Tod

Vor ein paar Wochen stand Kaliforniens demokratischer Gouverneur Gavin Newsom in den rauchenden Überresten von Oroville und sprach direkt in die TV-Kameras: „Das hier ist eine verdammte Klimakrise. Sie ist real und wird von Jahr zu Jahr schlimmer.“ Noch nie brannten an der Westküste so große Flächen – nach dem heißesten Sommer aller Zeiten. Die Katastrophen werden weiter zunehmen, sagt die Klimaforschung voraus. Bis 2050 verlieren über 16 Millionen Amerikaner wegen steigender Wasserpegel und immer häufigerer Fluten ihre Häuser, prognostiziert eine Studie. Die Zahl der jetzt bereits verheerenden Hurrikane werde sich deutlich erhöhen. 91 Milliarden Dollar an wirtschaftlichen Schäden habe der Klimawandel 2018 in den USA verursacht, errechnete die Wetterbehörde NOAA.

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Mo., 19.10.2020 - 12:33
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WIDERSTAND KENNT KEIN ALTER
Die 18-jährige Sophia Kianni gründete eine Plattform, die Klimawandelinfos von jungen Freiwilligen in über hundert Sprachen übersetzen lässt

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Hinzu kommen die gesundheitlichen Folgen der Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser. Über hundert Millionen Amerikaner trinken mit Chemikalien kontaminiertes Leitungswasser. Anders als in den meisten anderen Ländern der Welt geht die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA seit 2015 zurück – und da ist die verheerende Bilanz der Corona-Pandemie mit über 200.000 Toten noch nicht einmal mit eingerechnet.

Der Unwillen der Trump-Regierung, entschieden gegen die Klima- und Gesundheitskrise anzukämpfen, geht einher mit der Verachtung wissenschaftlicher Expertise überhaupt. Seit 2017 führt die vor fünfzig Jahren gegründete „Union der besorgten Wissenschaftler“ (UCS) eine Webseite, auf der Angriffe des Weißen Hauses gegen Regierungsstellen wie die Umweltbehörde EPA, die NASA oder die NOAA gesammelt werden. Mit Beginn der Coronakrise gerieten auch die Mitarbeiter der staatlichen Gesundheitsorganisationen unter Druck. So verändern Trumps Gefolgsleute offizielle Richtlinien zu Covid-19 oder versuchen, die Zulassung unausgereifter Impfstoffe zu erzwingen. Hier gehe es „um Leben und Tod“, sagt Rachel Cleetus, Ökonomin und Direktorin des Bereichs „Energie und Klima“ bei der UCS.

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Mo., 19.10.2020 - 12:42
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UNBEUGSAM
Auch Schauspielerin Jane Fonda, 82, die hier bei einer Klimademo in Washington verhaftet wird, ist noch immer ganz vorne mit dabei

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Die UCS will mit „unabhängiger Wissenschaft die drängendsten Probleme des Planeten lösen helfen“. Wenn Cleetus vor dem Kongress in Washington Konzepte für eine grüne Energiewende vorlegt, erlebt sie ein interessantes Phänomen. Vertretern der von Republikanern regierten Bundesstaaten darf sie mit dem Terminus „Klimawandel“ nicht kommen.

Aber vielen leuchte ein, dass man etwas gegen die Dürre, die Brände oder immer häufigeren Überflutungen unternehmen muss. Vor allem aber erfahren inzwischen auch konservative Staaten wie Texas, welch gute Geschäfte man mit Wind- und Solarenergie machen kann. Laut einer aktuellen Umfrage fordern 79 Prozent der Amerikaner, der Staat solle erneuerbare Energien fördern und sich von den fossilen verabschieden.

In vielen US-Unternehmen hat das Umdenken ebenfalls begonnen. Google kündigte im Frühjahr an, keine Software mehr für die Förderung von Öl- und Gasvorkommen zu entwickeln. Inzwischen mahnen auch republikanische Großspender aus der Finanzindustrie eine auf Nachhaltigkeit angelegte Investitionspolitik für Amerikas Zukunft an.

Im September vollzog sogar Präsident Trump eine kleine grüne Kehrtwende. Entgegen vorherigen Ankündigungen verlängerte er das Verbot für Ölbohrungen vor der Küste Georgias, Floridas und South Carolinas. Die drei republikanischen Gouverneure hatten über Auseinandersetzungen auch mit eigenen Anhängern berichtet. Die ebenfalls umstrittenen Ölbohrpläne vor den Küsten der demokratisch regierten Bundesstaaten Virginia und North Carolina bleiben dagegen bestehen.

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Mo., 19.10.2020 - 12:52
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Dana Smith
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Harvard-Professor Richard Lazarus ist einer der wichtigsten juristischen Experten zum Umweltrecht. Er setzt darauf, dass sich die meisten umweltfeindlichen Maßnahmen der Trump-Regierung unter einem neuen Präsidenten wieder rückgängig machen lassen

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Das Recht und die Liebe

Professor Richard Lazarus sitzt zu Hause in seinem Arbeitszimmer, umgeben von Büchern, und wirkt bestens gelaunt. Jedenfalls für einen Professor der berühmten Harvard-Universität, der sich in der Ära Trump mit Umweltrecht befasst. Der 66-Jährige gilt als absoluter Experte auf diesem Gebiet. Über vierzigmal vertrat er Umweltgruppen, Kommunen oder die Bundesregierung bei Verhandlungen vor dem Supreme Court, dem obersten Gericht der USA. Dessen Vorsitzender, John Roberts, ein Konservativer, ist seit Studienzeiten ein Freund von ihm. Regelmäßig veröffentlicht Professor Lazarus messerscharfe Analysen zum Thema. Präsident Trumps „unbedingten Willen, die Umweltgesetze von Barack Obama zu zerstören“ verglich er mit Käpt’n Ahabs wütender Jagd auf Moby Dick.

Und trotzdem erklärt Lazarus: „Wir haben Glück im Unglück gehabt.“ Anfangs habe die Trump-Regierung weder die erst- noch die zweitklassigen Juristen für sich gewinnen können. Den „C-Level“-Leuten der Administration seien bei der Deregulierung so viele Fehler unterlaufen, sogar Rechtschreibfehler, dass selbst konservative Richter viele der Maßnahmen wieder einkassieren mussten. Neunzig Prozent der Verfahren gegen ihre Umweltpolitik habe Trumps Regierung verloren. Vor allem aber handele es sich dabei meist um Exekutiv-Erlasse des Präsidenten, die sein Nachfolger im Amt mit einem Federstrich wieder aufheben könne.

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Lazarus gehört zu den Pionieren des Faches, studierte erst Chemie und Wirtschaft, bis er Anfang der Siebzigerjahre seine wahre Mission entdeckte. „Recht und Umwelt? Was soll das denn werden?“, habe man ihn damals gefragt. Heute säßen da „unglaublich schlaue, eindrucksvolle junge Menschen“ in seinen Vorlesungen, viel schlauer und welterfahrener als er es zu seiner Studienzeit gewesen sei. 80 der 550 Jurastudierenden in Harvard sind inzwischen bei ihm. Die Vorfreude auf den nächsten Kurs ist ihm beim Videointerview anzusehen.

„Mit diesen jungen Menschen zu arbeiten, ist ein großes Geschenk. Sie werden die Führungspersönlichkeiten von morgen sein. Ich versuche, ihnen Kampfgeist und Integrität zu vermitteln.“ Den werden sie auch brauchen. Vier Jahre Trump seien „verkraftbar“, meint Professor Lazarus, so schlimm die verlorenen Jahre für den Klimaschutz auch sind. „Acht Jahre Trump – das wäre etwas komplett anderes.“

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Mo., 19.10.2020 - 13:11
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ARM IN ARM
Wenige Tage nach dem Tod von George Floyd, der im Polizeigewahrsam erstickte, solidarisieren sich Uniformierte aus Denver mit den „Black Lives Matter“-Demonstranten. Mittendrin: Polizeichef Paul Pazen

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Acht Jahre Trump – das wäre etwas komplett anderes
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Richard Lazarus, Harward-Professor
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Wie aus all den Initiativen, Ideen und Projekten, in denen sich das neue, andere Amerika zeigt, tatsächlich einmal konkrete Politik werden soll, das kann einem die Politikberaterin Rhiana Gunn-Wright besonders gut erzählen. Das Magazin Time bezeichnete die afroamerikanische Yale-Absolventin und ehemalige Oxford-Stipendiatin als „Architektin des Green New Deal“ und zählte sie zu den „15 Frauen, die den Kampf gegen den Klimawandel anführen“. Im Roosevelt Institute, einer renommierten Washingtoner Denkfabrik, leitet sie den Bereich Klimapolitik. Die nächsten sechs Wochen werde es nichts mit einem Gespräch, antwortet das Institut auf Anfrage. Auch danach sehe es schlecht aus. Zu viele Interviewwünsche, gerade jetzt, wo viele von Gunn-Wrights Ideen zum offiziellen Regierungsprogramm von Präsidentschaftskandidat Biden gehören.

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Kurz vor Redaktionsschluss klappt es dann doch noch, via Videokonferenz. Es ruckelt ein bisschen, ein Bild kommt nicht zustande, aber ihre Stimme ist laut und klar zu hören. „Seltsame Zeiten“ seien das, sagt sie. Der aggressive Wahlkampf, die Pandemie, der Tod von George Floyd – man könne Angst bekommen. „Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass immer mehr Menschen über ihre Werte nachdenken und über das Leben, das sie führen. Familie, Gemeinschaft, Respekt – ich habe das Gefühl, dass sich immer mehr Amerikaner dahinter versammeln.“

Die 32-jährige Politik- und Sozialwissenschaftlerin wuchs in Englewood auf, im ärmeren Teil von Chicago. Als sie aufgrund ihrer guten Schulleistungen mit vierzehn an die „Mathematics and Science Academy“ nach Aurora, Illinois, wechselte, bemerkte sie eine dramatische Veränderung an sich. Plötzlich konnte sie wieder richtig atmen. „Bis dahin dachte ich, Asthma wäre eine ganz normale Kinderkrankheit. Alle bei mir in der Nachbarschaft hatten das.“ Studien belegen, dass schwarze Kinder doppelt so häufig unter schlechten Luftverhältnissen durch Industrie- und Verkehrsabgase leiden wie weiße.

Der „Green New Deal“, den Gunn-Wright als Konzept für die demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez mit entwickelt hat, sieht Klimakrise und Umweltverschmutzung nicht nur als technologische Herausforderung, sondern als eine, die den Kern des politischen Systems berührt. Schon als kleines Mädchen habe sie sich ständig gefragt, wer eigentlich die Regeln macht, an die sich alle halten müssten. „Große Teile unserer Bevölkerung werden buchstäblich vergiftet“, erklärt sie. „Diese Probleme werden wir nicht mit Solarpaneelen oder einer CO2-Steuer lösen.“ Die Menschen mit der geringsten politischen Macht seien auch die am stärksten von schlechter Luft, verseuchten Böden und Wasser Betroffenen. „Für jemanden, der weit entfernt von einem Kohlekraftwerk lebt, mag es so etwas wie ‚saubere Kohle‘ geben. Für jemanden aus der direkten Nachbarschaft nicht.“

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Mo., 19.10.2020 - 13:58
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ARCHITEKTIN DER GEGENMACHT
Rhiana Gunn-Wright stellt in ihrem Konzept für einen „Green New Deal“ die Machtfrage: Um Umweltrassismus und Klimawandel zu bekämpfen, bräuchten die davon am stärksten Betroffenen größeren politischen Einfluss

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Ich bin dankbar, dass ich Hoffnung haben kann
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Rhiana Gunn-Wright, Politik- und Sozialwissenschaftlerin
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Bidens „Green New Deal“ stelle den von ihr beklagten finanziellen Einfluss der Konzerne auf die Entscheidungen der Politik zwar nicht grundsätzlich in Frage. „Aber er ist besser als alles, was wir je als demokratisches Regierungsprogramm hatten“, sagt Rhiana Gunn-Wright. „Was mir vor allem wichtig ist: Biden hat angekündigt, dass vierzig Prozent aller Energie- und Infrastrukturinvestitionen direkt in die von Umweltverschmutzung und dem Klimawandel besonders betroffenen Kommunen gehen sollen. Das ist genau die Verbindung von Klima-, Rassen- und sozioökonomischer Gerechtigkeit, über die vor vier, fünf Jahren nur wenige überhaupt gesprochen haben.“ Und immerhin hat Biden Gunn-Wrights politische Weggefährtin Ocasio-Cortez, den „aufstrebenden Star der Linken“ (New York Times), gemeinsam mit Ex-Außenminister John Kerry an die Spitze seiner „Climate Task Force“ in sein Team berufen. „Alexandria kennt das Leben der Menschen, deren Stimmen sonst kaum gehört werden. Ich vertraue ihr.“

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In der Welt, in der Rhiana Gunn-Wright sich inzwischen bewegt, ist sie oft die einzige schwarze Frau und ganz sicher die einzige mit Nasenschmuck und einem Tattoo auf dem Arm. Oft kämpfte sie mit Selbstzweifeln. „Ich habe gelernt, mein Schwarzsein, meine Wut über die Verhältnisse zu unterdrücken“, erzählte sie mal in einem Zeitungsinterview. Heute fühle sie sich freier, so schwierig die Umstände auch gerade sind, sagt sie dem Greenpeace Magazin. „Ich bin dankbar, dass ich Hoffnung haben kann. Ich weiß einfach, dass es da draußen Millionen freundlicher, hingebungsvoller Amerikaner gibt, die so viel besser sind als die, die unser Land gerade führen, das erfüllt mich mit Zuversicht.“ Wie sie das sagt, klingt es bei Weitem nicht so pathetisch, wie es sich womöglich liest.

Vier Jahren Hass und Zynismus à la Trump eine Vision von Liebe und Gemeinschaftssinn entgegenzustellen, eingebunden in einen politischen Rahmen, der in eine nachhaltige und gesunde Zukunft führen könnte – das ist in diesen Zeiten womöglich der einzige Ansatz, der dieses zerrissene Land wieder zusammenbringt. „Wir können alles noch reparieren“, sagt der Harvard-Professor Richard Lazarus. „Auch wenn Joe Biden gewinnt, müssen wir pushen, pushen, pushen“, sagt Jamie Margolin, die junge Aktivistin. „Ganz tief drinnen bleibe ich als Amerikaner Optimist“, sagt Mark Floegel von Greenpeace. „Das Aufräumen wird nur sehr, sehr lange dauern.“

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 6.20 „Wahrheit“. Im Schwerpunkt nehmen wir Sie mit auf die Suche nach einem gemeinsamen Verständnis von Fakt und Fälschung, Wissen und Ungewissheiten, wahr und falsch. Das Greenpeace Magazin ist erhältlich im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können alle Inhalte auch in unserer digitalen Version lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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HOFFNUNGSTRÄGERIN
Supersmart, charismatisch und eine der fleißigsten Abgeordneten in Washington: Viele junge Demokraten hoffen, dass die 32-jährige Alexandria Ocasio-Cortez 2024 Präsidentin wird

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